Neues Jahr, neuer Blog

Die Ehre, den Reigen eröffnen zu dürfen, dräute schon seit Ende letzten Jahres über meinem Haupt und hat eine Reihe von ehrfürchtig elaborierten und haareraufend bemühten Versuchen provoziert. Die tiefsinnigen (zu langweilig), missionarischen (zu aufdringlich) und erleuchteten (glaubt mir eh kein Mensch) Ansätze habe ich verworfen, bleibt nur noch der praktische:

Warum übe und unterrichte ich eigentlich und ausgerechnet Ashtanga Yoga? Seit Jahren? Mit (immer noch) wachsender Begeisterung?

Ursprünglich komme ich aus einer anderen Tradition. Auf Ashtanga Vinyasa wurde ich aufmerksam, weil es in meinem Umfeld so verpönt war. Wild und gefährlich. Klang wie Punkrock und Ninjitsu – und weckte sofort mein Interesse: Ich meldete mich ebenso umgehend wie spontan bei der AYW an. Und empfand dann gleich zu Anfang der Ausbildung die Idee, von nun an immer nur an der selben Übungsfolge zu arbeiten, als unverschämte Zumutung.

Glaubte ich doch bis dahin, meine Unterrichtsstunden seien vor allem deshalb beliebt, weil ich immer neue Konzepte, Sequenzen und Variationen entwarf. Aus dem selben Grund hielt ich übrigens auch meine eigene Praxis für besonders zielführend. Also habe ich zunächst ungezählte Variationen, Ergänzungen, Optimierungen in meine „Ashtanga“ Praxis eingebaut. Und sie nach und nach einfach weggelassen. Alle. Ausnahmslos.

Denn sehr schnell spürte ich den starken Sog* und die zwingende Logik der traditionellen Reihenfolge: ekam-einatmen-dve-ausatmen-trini … und schon bewegt sich der Körper mit dem Atem, werden die Gedanken absorbiert, gibt es für die nächsten 90 (oder 10 oder 120) Minuten nur noch Rhythmus und Struktur. Immer gleich und doch immer wieder völlig neu. Denn gerade die strenge Form und die konsequente Fokussierung auf die Blickpunkte und den Atemfluss erlauben immer subtilere Wahrnehmungen, eröffnen den Zugang zu einem reichen und dennoch stillen inneren Kosmos.

Nein, diejenigen, die an dieser Stelle schon auf die Apotheose gewartet haben, muss ich leider enttäuschen: Ich bin durch die (fast) tägliche Praxis nicht zu einer in mir ruhenden Buddha-Natur geworden; ich gehe Aufgaben noch immer gerne an, indem ich fünf verschiedene Teilaspekte in Angriff nehme, gleichzeitig noch drei andere Dinge beginne – und das Ganze zum Schluss empörend anstrengend und kompliziert finde.

Aber ich weiß mittlerweile, wo ich Struktur, Stille und Klarheit finden kann: ekam-einatmen-dve-ausatmen-trini … 90 (oder 10 oder 120) Minuten Urlaub von der Welt. Urlaub vom ich. Und hinterher geht manches wie von selbst.

*nur kurz für diejenigen, die sich in der Zwischenzeit gefragt haben, wie es denn meinen Schülern ergangen sei: Natürlich wurden sie in den Ashtanga-Sog hineingezogen. Sobald sich meine Praxis etabliert hatte, konnte ich nicht mehr umhin, meine Erfahrungen weitergeben zu wollen. Und statt – wie ich ursprünglich befürchtet hatte – schreiend davonzulaufen, erging es Ihnen genau wie mir: Das Festhaltenwollen an Vorbereiten und Nachspüren war kurz, die Begeisterung durch und für die Klarheit und Wirksamkeit der Ashtanga-Praxis dagegen währt nun schon sehr lange. Viele Jahre. Tendenz: wachsend.

Schreibe einen Kommentar