Wer kann es?

Anne

Wie wahrscheinlich ist es eigentlich, dass ein erwachsener Mensch es schafft, die erste Serie so zu beherrschen, dass er oder sie die zweite in Angriff nehmen kann? Wieviel und wie sollte man optimalerweise üben? Sollte man zum Beispiel Übungen, die man besonders schlecht kann (ich persönlich möchte hier nur mal Navasana, oder auch Bakasana ins Spiel bringen :-), gezielt besonders oft üben? Fragen über Fragen …

Beate

Na ja, woraus besteht ein erwachsener Mensch? Aus Knochen unterschiedlicher Stärke, aus Bändern, die die Knochen zusammenhalten, aus Gelenken mit Knorpelmasse einer bestimmten Konsistenz, aus Muskeln und den Sehnen, die sie am Knochen festmachen, aus Bindegewebe, Nerven, die der Wirbelsäule entspringen, aus Adern und Venen, Fett und Haut. Und aus dem individuellen Verstand und Gefühlen. Dieses Gesamtpaket ist bei jedem Individuum ganz unterschiedlich zusammengesetzt. Im Idealfall sind die Knochen fest und stark, die Gelenke voll beweglich, die Knorpelmasse in idealer Konsistenz und vollständig, die Muskeln gleichmäßig funktionstüchtig in allen drei oder vier übereinanderliegenden Schichten trainiert, die Sehnen fest, aber von elastischer Struktur, das Bindegewebe haltbar und stützend. Die Nervenbahnen sind nirgends eingeklemmt und versorgen die Muskulatur optimal ohne Einschränkung, die Adern und Venen sind maximal durchlässig mit fester Außenstruktur, der Fettanteil ist gering, aber in der notwendigen Form existent, die Haut ist glatt und gut versorgt, die Körperflüssigkeiten haben die vorgesehene Zusammensetzung. Der Verstand geht über die individuelle Verwicklung in die eigene Persönlichkeit hinaus und ist in der Lage die Welt mit ihren Erscheinungen von außen wahrzunehmen. Die Emotionen sind sortiert und einzeln benennbar, weil sie wahrgenommen und kanalisiert sind. – Ja, das ist der Idealfall.
Nun gibt es kaum einen Menschen, der dieser „Norm“ entspricht. Wie auch! Haben wir doch ein individuelles Leben und vielleicht auch viele frühere Leben, deren Auswirkungen wir nun am eigenen Körper nachzuspüren bekommen.
So ist es sinnvoll für viele Menschen, einige Jahre mit den Standpositionen zu verbringen, um alle Körperteile in ihrer Funktion wieder vollständig zueinander auszurichten, die Nerven dazu und alle kleinen und großen Schäden früherer Leben und der jetzigen Jahre auszugleichen.
Dies ist möglich: Arthrose, Hüftschäden, Skoliosen, Dysplacien, Wirbelsäulenuregelmäßigkeiten und auch alle anderen Probleme des Körpers lassen sich wieder zum Positiven hin verändern. Auch Verstand und Gefühl verändern sich zum Angenehmen durch die ashtanga-Praxis der 1. Serie.
Je nachdem, wie viele ganz unbewusste Stellen nun am individuellen Körper vorhanden sind, ob die Gelenke frei sind, ob die Muskeln gedehnt und kräftig sind usw, dauert die sinnvoll erarbeitete Praxis der 1. Serie zwischen 3 und 12 Jahren. Dann ist alles wieder „an Ort und Stelle“ und Körper und Geist sind positiv und stabil.
Auch die Atmung muss in dieser Zeit lang und voll werden, die ujjayi-Atemtechnik muss automatisiert sein.
Ein ganz besonders wichtiges Element ist die ununterbrochene leichte Kontraktion der gesamten Bauchmuskulatur in Richtung Wirbelsäule, Ober- und Unterbauch, damit die Atmung ganz von den sich aufdehnenden Muskeln der Rippenbögen ausgeführt werden kann.
Und schließlich müssen die Augen stabilisiert werden. Dies geschieht durch den „drishti“, den Blickpunkt in jedem asana oder vinyasa des ashtanga. Er muss fest und klar werden, um die Balance zu unterstützen.
Wenn nun also der ganze Mensch mitsamt seinem wahrnehmenden Verstand und seinen Gefühlen ganz stabil und groß und breit und selbstbewusst in sich ruht, kann die zweite Serie draufgesetzt werden.
Wie wahrscheinlich ist dies? Überaus wahrscheinlich. Die 1. Serie ist als „Therapie von Krankheiten“ so konzipiert. jedes asana baut auf der Gesamtheit der vorherigen auf und bewirkt neue Einsichten für Körper und Geist. Deshalb ist es auch wenig sinnvoll, „durchzubrettern“. Die 1. Serie muss langsam und sorgfältig auf das Individuum abgestimmt aufgebaut werden.
Dazu wäre es schon gut, ashtanga mehr als einmal pro Woche zu üben. Es ist aber auch nicht förderlich, direkt jeden Tag zu üben. Langsam und aufbauend kann man seine Übungspraxis von 2 Mal pro Woche auf viele Male steigern. Der Mensch ist halt darauf ausgerichtet, sich jeden Tag sehr stark zu bewegen. Da kann man nichts machen. So sind wir – immer noch wie früher, als wir noch Wildschweine jagten und Beeren und Wurzeln sammelten.
Es ist aber nicht nötig, asana-s oder vinyasa-s, die man nicht so gut kann, besonders viel zu üben. Besser bleibt es, langsam die asana-s so aufzubauen, dass man auf Übungen, die man kann, die nächste setzt. So ist „roga-chikitsa“, die Therapie der Krankheiten, aufgebaut.
Schließlich ist es ja so, dass man die 2. Serie in dem Sinn nicht mehr viel übt, sondern sie kraft der Vorbereitung der 1. Serie kann – nur die neue Anstrengung und andere Muskelforderung bewirkt, dass sie langsam aufgebaut werden muss. Wenn wir jedoch fühlen, dass dies oder jenes nicht geht, oder dass wir stark erschöpft sind, fehlt ein Teil des guten Aufbaus der 1. Serie.
Wir müssen auch bedenken, dass wir im Verlauf der 2. Serie mit der speziellen Strutur des ashtanga-pranayama beginnen können. Und schon, um die 1. Serie gesundheitsfördernd üben zu können und zu wollen, müssen wir anhand der Philosophie der Yoga-sutrani von Patanjali ein breiteres Verständnis für die regelmäßige, gelassene Übungspraxis entwickeln.
Das waren, glaub ich, mindestens 3 U-Bahn Stationen.

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