Richtiges Atmen und innere Haltung

April 24, 2010 By In Blog über die 2. Serie 1 Comment

Anne

Liebe Beate, damit sie mir nicht wieder verloren gehen, möchte ich heute gleich mehrere Fragen an dich los werden:
Erstens, das richtige Atmen. Ob erste oder zweite Serie, es spielt anscheinend eine ganz besondere Rolle. Warum ist es so wichtig? Wie übt man es?
Zweitens, die innere Haltung, so würde ich es mal nennen. Auch die spielt in deinen Antworten immer eine große Rolle. Um nur mal eine Formulierung von dir aufzugreifen: Wie kriegt man das „breite Verständnis für die regelmäßige und gelassene Übungspraxis“. Einfach machen? Kommt es dann von selbst?

Beate

ach so, war mir gar nicht so klar, dass ich da so drauf ‚rumgeritten bin – aber überrascht mich nicht. Es ist ja schon so, dass sehr viele Menschen, die ashtangayoga beginnen oder ‚mal zuschauend ashtanga kennenlernen, erstmal vermuten, dass es um eine interessante Körperarbeit geht. Geht aber gar nicht drum. Geht um Energieakkumulation, Atmung und Konzentration. Tja.
Die ujjayi-Atmung begeleitet die gesamte Körperarbeit. Ujjayi bezeichnet den rauschenden Klang, wenn die Atemluft bei Ein-und Ausatmung an den Stimmbändern entlangstreicht. Die Stimmritze mag dabei etwas verengt sein – so streicht die Luft komprimierter an den vibrierenden Stimmbändern entlang, die ein bei manchen sehr lautes, bei andern ein etwas softeres Geräusch entstehen lassen.
Nun kommt jedoch ein weiterer Aspekt hinzu. In der westlichen Welt, soll heißen, USA und große Teile Europas, ist man in den späten 60er Jahren drauf gekommen, dass wir, zumindest so eine Mittel- und Oberschicht, ziemlich verklemmt waren, sexuell, emotional und verdauungstechnisch. Um den vielen Korsetten der Kleidung und des Alltags zu entkommen, und überhaupt ‚mal wieder Luft zu kriegen, wurde vorgeschlagen, tief in den Bauch zu atmen. Man wollte wieder mehr, oder überhaupt etwas fühlen und nicht mehr so flach und kurz in den Brustkorb atmen müssen. Das war schon gut:: man bearbeitete seine Psyche und die Verdauung und wurde langsam wieder Mensch. Die Zeiten sind nun auch vorbei – ein paar Generationen und Erkenntnisse sind wir jetzt weiter, und wir können uns wieder der gesunden Atmung zuwenden, die für Menschen vorgesehen ist.
Der Bauch kann an seinen natürlichen Platz nach hinten rutschen. Das ist bitter nötig, denn durch das viele tiefe Bauchatmen entstanden massive Rückenprobleme, da unsre Mitte nicht mehr durch die Gegenmuskulatur auf der andern Seite gestützt wurde. Im ashtanga wird der Unterbauch sanft zurückgezogen und gehalten, das sogenannte Uddiyana bandha, und der Oberbauch darf sich bei der Atmung ebenfalls nicht nach vorn aufwölben, wenn wir nicht auf Dauer die Brustwirbelsäule durch eine Oberbauchschwäche schaden wollen.
Nun haben wir aber doch alle durch die Zeiten der „tiefen Bauchatmung“ gelernt, dass wir zumindest auf jeden Fall tief atmen müssen. Dies tun wir, indem wir die Räume, hinter denen sich auch die Lunge auffalten kann, nutzen: vordere, seitliche und hintere Rippenbögen bis hinauf an den kurzen Schlüsselbeinmuskel. Dabei öffnen sich die Rippenbögen seitlich des Oberbauchs zur Seite bei der Einatmung und schließen sich aktiv dort bei der Ausatmung wieder zusammen. Schließlich ziehen wir noch den Afterschließmuskel ein wenig zusammen und leicht nach innen, das zweite bandha, oder Energieverschluss. Und schließlich richten wir bei jedem vinyasa und jedem asana den Blick auf einen jeweils definierten Punkt wie z.B. Nasenspitze oder Hand, der drishti, Blickpunkt, der uns zusammen mit ujjayi-Technik und bandhas zu einer die Meditation vorbereitenden konzentrierten Form des Sports leitet.
Man kann tatsächlich sagen, dass man nur ashtanga übt, wenn man ujjayi, bandha-s und drishti beachtet.

Also, Anne, ich weiß nicht, ob sich bei allen Menschen, das „breite Verständnis für die regelmäßige und gelassene Übungspraxis“ allein durch einfach machen von selbst entwickelt. Man könnte jeden Tag die wundervollsten Kleinigkeiten neuer Errungenschaften beobachten und sich an jedem asana und vinyasa erfreuen, wenn man das Augenmerk nicht darauf richtet, wie hart man trainiert und wie „weit“ man kommt, sondern eben auf ujjayi, bandha und drishti. Ich glaub‘, dann geht’s. – Gibt aber halt auch Leute, die verzweifeln, weil sie nicht „weiter kommen“. Ist zwar Blödsinn, weil man nicht gegen seinen Körper arbeiten darf, aber es ist wohl so im Menschen drin. Da ist es halt wichtig, dass man ‚mal ein bisschen von der ashtanga-Philosophie mitkriegt. Die legt Wert auf regelmäßige Übung in Verbindung mit vollkommener Verhaftungslosigkeit (Patanjali 1,12) . Tja, einmal um 180° gegenphasig zum üblichen Menschendenken gedacht. Übel, das ist der Knackpunkt.
Ich fürchte, wenn man während der ashtanga-Praxis nicht in diesem Sinn verhaftungslos und deshalb positiv drauf ist, erschöpft man sich nach einer Weile. Das muss gar nicht sein, denn ashtanga belebt und energetisiert. So ist es gedacht. Schade, wenn wir was andres draus machen.

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