Emotionale Vorraussetzungen 1

Anne

In deiner letzten Antwort hast du über den philosophischen Kontext der Körperarbeit gesprochen. Die Voraussetzungen, so verstehe ich das. Und ich vermute, dass auch die Konsequenzen, die das Üben hat, sich nicht darin erschöpfen, dass man beweglicher wird oder kräfiger. Könntest du dazu auch etwas sagen?

Beate

Nur vermeintlich ist ashtangayoga reine Körperarbeit. Ungeheuer viel geht im emotionalen Bereich ab. In unsrer Psyche und unserem individuell davon geprägten Verstand, sind alte Muster gespeichert, die schematisch reproduziert werden und uns nicht immer Gutes tun. Die ashtanga Körperarbeit fördert die psychischen Eindrücke an die Oberfläche, die wir durch absichtsvolles Handeln, seine Resultate und unsre persönlichen Erinnerungsmechanismen dazu in früheren und im jetzigen Leben selbst geschaffen haben. Patanjala sutra 4,7-9. – Aus den Tiefen ihres Verstecks blitzen sie schneller hervor, als sie es freiwillig wagen würden, aufzutauchen. Nicht immer sind die Übenden gewohnt, sich mit so viel verworrenem Ballast positiv auseinanderzusetzen.

Emotionale Überforderung kann sich durch verschiede Zeichen manifestieren:
Sorgen;
Erstarrung der Muskulatur und Unwilligkeit des psychisch geprägten Verstands, sich von einer aufkommenden Problematik zu lösen;
Zweifel an der Praxis und am Yogaweg;
Unachtsamkeit in der Ausführung der Übungen und der Bewältigung alltäglicher Aufgaben, weil sich der Geist mit zuviel Psyche befassen will oder muss;
Trägheit in der Praxis und im Alltag, Tendenz zu Alltagsdrogen wie vermehrte und gesundheitsschädliche Nahrungsaufnahme, vermehrte Wachmachgetränke und Zigaretten- oder Alkoholkonsum;
Unlust zu Bewegung von Körper und Geist;
auf der anderen Seite Maßlosigkeit in der Praxis, wenn sie dann mal klappt oder auch in der zu schnellen Reduzierung der Alltagsdrogen;
Involviertheit in das Leben,
was man möchte, kann man nicht erlangen,
und große Unbeständigkeit in Übungspraxis und den regelmäßigen Angelengenheiten des Alltags.Patanjala sutra 2,30
Kummer, Depression, zu viel Vata im Körper und ungleichmäßige Atmung können diese Zeichen begleiten.Patanjala sutra 2,31

Wieder ist es besonders wichtig, nicht zu schnell in der Körperarbeit voranzugehen oder sie selbst voranzutreiben, womöglich schneller, als die ausgebildet Lehrenden dies als passend erachten. Durchaus wäre es sinnvoll, zwei bis drei Jahre auch aus diesen Gründen in surya namaskara und den Standpositionen zu verweilen, und nur Schritt für Schritt ein kleines Paket an die regelmäßige Praxis anzuhängen. Auch dieses neue Päckchen sollte wiederum für längere Zeit gehalten werden, bevor Neues hinzukommt. Jedes neue asana und vinyasa weist der Psyche neue Gesundungspläne zu, deren Bewegungen sich durch die Zeit von selbst ausgleichen können, wenn sie sich nicht durch eine zu druckintensive Praxis in ihrem benötigten Zeitrahmen unter Stress gesetzt fühlen.
Wenn wir gemütlich unseren individuell passendes Tempo wählen, bemerken wir nur sehr wenig von all den großen Sortierungsmaßnahmen, die in unsrer Psyche losgetreten werden:
– Trennung aller vermischter Emotionen und Ordnung in klare emotionale Ausdrucksmöglichkeiten, die einfach zu benennen sind.
– Entledigung alter individueller Muster
– Schärfung der Wahrnehmungsfähigkeit unsrer Gefühle
– Entwicklung positiver Gefühlsstrukturen
– Löschen von verworrenen Mustern, die Klarheit behindern

Dies alles kann möglicherweise als diverse belastende Situationen und Perioden wahrgenommen werden. Die ashtangayoga Praxis muss deshalb nicht verlassen werden: je öfter mit einem dem Individuum angemessenen Programm pro Woche trainiert wird, desto müheloser verflüchtigen sich störende Muster und alte emotionale Belastungen. Manchmal mögen die Lehrenden mit den Übenden zusammen erkennen, dass ein Programm zu schnell zu groß geworden ist. Warum sollte man das individuelle Programm in Absprache untereinander nicht für einige Wochen oder Monate ein wenig verringern, um die positive Umstrukturierung der eigenne emotionalen Welt easygoing mit einem Schmunzeln begleiten zu können?

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